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So wurden die Aarberger manipuliert

In mindestens einem Fall wurden in Aarberg vor einer wichtigen Abstimmung offenbar Manipulationstechniken angewandt. Der Gemeinde war dies nicht bekannt.
„Ja, es wimmelt im Text nur so von hypnotischen Worthülsen“, sagt Judith Barben beim Betrachten der letztjährigen Mai-Ausgabe von „Aarberg aktuell“, dem offiziellen Informationsblatt der Einwoh-nergemeinde Aarberg. Judith Barben ist Autorin des Buchs „Spin doctors im Bundeshaus“. In ihrem Werk erläutert Barben, welche einen Doktortitel in Psychologie trägt, wie Menschen mit Manipulation und Propaganda beeinflusst werden. Für das Bieler Tagblatt hat sie die besagte Ausgabe des Aarberger Gemeindeblatts unter die Lupe genommen und dabei Erstaunliches festgestellt.
Pikant ist dies deshalb, weil die Ausgabe im Vorfeld der Abstimmung an der Gemeindeversammlung zur Zonenplanänderung für das Ziegelei-Areal erschien. Sowohl auf der Titelseite, als auch auf einer Doppelseite im Innern des Bulletins wurden den Aarbergerinnen und Aarbergern ausschliesslich befürwortende Stimmen präsentiert. „Heikel“, findet Barben. Denn wie sie in ihrem Buch erläutert, geht es bei einer oft angewandten Manipulationstechnik, eben beispielsweise vor Abstimmungen darum, „einen künstlichen Gruppendruck durch vorgetäuschten Konsens“ aufzubauen. Und: In der betroffenen Ausgabe von „Aarberg aktuell“ sind eine Vielzahl von Worten enthalten, welche sich speziell gut als „hypnotische Worthülsen eignen“, so Barben. So wurden mehrfach positiv besetzte Begriffe wie „Zukunft“, „Chance“, „begeistern“ oder „profitieren“ in den Text eingestreut, welche bei Menschen positive Gedanken hervorrufen. Das Wort Chance beispielsweise lasse an erfreuliche Gelegenheiten denken, bei denen man etwas Interessantes oder Schönes erleben oder etwas Wertvolles wie eine geliebte Person, viel Geld oder eine gute berufliche Stellung gewinnen könne, so Barben, welche ihre Dissertation an der Universität Zürich über Tiefenpsychologie verfasste. Etliche Kommunikations- oder auf Neudeutsch Public-Relations-Büros seien auf solche Manipulationstechniken spezialisiert, um für ihre Auftraggeber ans Ziel zu kommen.
Bei der Gemeinde war man sich dessen offensichtlich nicht bewusst: "Das Informationsblatt „Aarberg aktuell“ soll eine Plattform, sowohl für die Behörden, als auch für Private sein", so Gemeindeschreiber Beat Soltermann, welcher für die Redaktion des Blatts zuständig ist. Seine Aufgabe sei es, das Positive eines Inhalts hervorzuheben und nicht eigene Recherchen darüber anzustellen, wer allenfalls noch als Gegner einer Sache im Blatt zu Wort kommen sollte, wie das beispielsweise ein Journalist einer Tageszeitung tue. Soltermann: „Dazu wären seitens der Gemeinde auch gar keine Ressourcen vorhanden“. Wie Bauverwalter Marc Lehmann bestätigt, sei der damalige, einleitende Text im „Aarberg aktuell“ durch ein durch die Investoren beauftragtes Kommunikations-Büro geschrieben und so ins Infoblatt der Gemeinde übernommen worden.
Die Psychologin stört sich auch am Wort „profitieren“, welches im Text abermals wiederkehre. Barben: „Dabei ist ja gar nichts garantiert, ob und vor allem wer von einem solchen Einkaufszentrum schlussendlich profitieren wird“. Es sei davon auszugehen, dass die Investoren, das Baugewerbe und Immobilienvermittler auch auf kommunaler Ebene wohl einen Profit machen werden. Ob es aber die Ladenbesitzer im Stedtli oder gar die Steuerzahler sein werden, wisse man erst im Nachhinein.
Wie mit Sprache manipuliert wird • Das Wort „Spin“ stammt aus dem Tennis und bedeutet, dem Ball einen versteckten Dreh zu geben. • Mit der Sprache oder mit weiteren Psychotechniken kann die Meinung der Bevölkerung (versteckt) manipuliert werden. • Solche Psychotechiken sind ursprünglich in amerikanischen Labors ausgetüftelt und ständig weiterentwickelt worden.
Artikel von Markus Nobs (Bieler Tagblatt und Berner Zeitung vom 05.09.12)

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