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Zum Happy End fehlt das Publikum

Das Aarberger Kino kämpft auch zehn Monate nach seinem "Neustart" mit dem Ausbleiben der Kundschaft. Dies obwohl der heutige Eigentümer sowohl finanziell, als auch persönlich vollen Einsatz gibt.

 

Wie die beiden Rennfahrer Niki Lauda und James Hunt im Film „Rush" tritt auch Hansruedi Brawand seit Uebernahme des Kinos anfangs dieses Jahres voll aufs Gaspedal. Unmittelbar vor dem Start des Rennfahrer-Films tritt er noch kurz in den Saal und fragt zwei Kinobesucher, ob sie nicht lieber ein paar Reihen weiter nach unten sitzen wollten. Die Klangqualität des Dolby-Surround-Systems sei dort noch besser. Er muss es wissen, hat er doch für den ungeplanten Ersatz dieses „qualitativ hochstehenden Tonsystems" in diesem Jahr eine grosse Summe investiert. „Ich will Qualität anbieten", so der heutige Kinobetreiber gegenüber dem Bieler Tagblatt. Nebst der kompletten Umstellung auf eine digitale und dreidimensionale Projektionstechnik für 120 000 Franken, ohne die das Kino Royal mit seinem Vorbesitzer Walter Loosli Konkurs gegangen wäre (das BT berichtete), musste Brawand für mehrere zehntausend Franken weitere unvorhergesehene Sanierungen hinnehmen.

 

Droht Schliessung erneut?

„Gäu Mami, es geit ersch wyter, wenn aui wieder sitze" fragt das kleine Mädchen etwas verunsichert in der Pause des Kinderfilms. Heute Nachmittag sind etwa zehn Personen gekommen, um den neuesten Film namens „Turbo" in 3D zu sehen. „Das ist ja das Verrückte", so Brawand. Trotzdem, dass er die jeweils aktuellsten Filme im Angebot habe, blieben die Gäste aus. Das sei oft auch am Abend so, „wenn die Mainstream-Filme laufen", so der Kinobetreiber. „Deshalb stehe ich derzeit vor einer schwierigen Entscheidung". Obwohl sein Kino technisch mittlerweile „auf Topniveau" sei, „rennen die Leute noch immer ins Westside" oder anders ausgedrückt eben nicht zu ihm,  „in das schönste Landkino im Berner Seeland", wie er es nennt. Für Brawand gibt es verschiedene Szenarien, wie seine eigene Filmgeschichte um das Aarberger Kino ausgehen könnte. „Entweder drehe ich hier per 31. Dezember dieses Jahres den Schlüssel und verkaufe die gesamte Liegenschaft oder zumindest die moderne Projektionsanlage". Was derzeit für Letzteres spreche sei, dass auf Anfang 2014 keine neuen Filme mehr auf 35mm-Filmspulen produziert würden und weltweit auf digitale Projektion umgestellt werden müsse. „Es besteht also ein Bedarf an Anlagen, wie ich eine besitze". Was wäre eine weitere Variante? „Gring ache u seckle", so der gebürtige Oberländer. Was so viel bedeute wie „es wyters Jahr dürebiisse".

 

„Blocher musste gehen"

Der tägliche Kinobetrieb kann aus wirtschaftlichen Überlegungen nur als „One-Man-Show" aufrecht erhalten werden;  jemanden anzustellen würde nicht rentieren. An Brawands Einsatz kann es jedenfalls nicht liegen, dass das Kino nur mässig läuft. Nebst exklusiven Vorpremieren mit Anwesenheit von Schauspielern und Filmcrew lief in Aarberg kürzlich die Militärkomödie „Achtung, fertig, WK" mit Marco Rima an. Vor dem Film gab es „originale Militär-Chässchnitte". Alles zu einem Spezialpreis versteht sich. Viele Filme habe er jeweils ab ihrem schweizerischen Starttag und für zwei Wochen im Programm. „Ausser Blocher, der musste bereits nach einer Woche gehen, weil er hier nicht performte" und ihn „sogar in der SVP-Hochburg Aarberg niemand sehen wollte", sagt Brawand schmunzelnd und nachdenklich zugleich.

 

Markus Nobs

Artikel aus dem Bieler Tagblatt und der Berner Zeitung vom 30. Oktober 2013

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