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Der Mut einer Pionierin

Zwei Jahre vor der Pension die Kündigung erhalten: Für Christine Jaggi brach damals eine Welt zusammen (Bild: Markus Nobs).

 

28 Jahren lang hat sie für die Spitex gearbeitet. Zwei Jahre vor der Pensionierung erhielt sie die Kündigung. Doch Christine Jaggi gab nicht auf. Nun kehrt sie mit der eigenen Firma zurück.

«Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Es war ein Riesenschock!» Die  Erschütterung von Christine Jaggi ist nachvollziehbar. Schliesslich hat sie mehr als die Hälfte ihres Arbeitslebens der Spitex in Aarberg gewidmet, bevor sie vor einem halben Jahr plötzlich die Kündigung erhielt. Nur zwei Jahre vor der Pensionierung.

Doch sie schaut vorwärts und nicht zurück. Denn seit ein paar Tagen ist sie die Chefin einer neuen Firma, der Prissag in Aarberg. Prissag ist die Abkürzung für Private Spitex Seeland AG. Angeboten werden dieselben Leistungen wie bei der öffentlichen Spitex. Zum Beispiel die Betreuung nach einem Spitalaufenthalt,  Wundversorgung oder die sogenannte «Palliative Care».

Fonds für Bedürftige

In der Prissag ist Jaggi sowohl als Aktionärin als auch als angestellte Pflegedienstleiterin engagiert. Sie sieht optimistisch in die Zukunft. «Die Unterstützung, die ich erfahren habe, gibt mir den Mut, etwas Neues zu wagen», sagt sie. Sie schöpft aber auch Kraft aus ihrer Vergangenheit: Sie sei schon immer eine Pionierin gewesen.

Die Marktaussichten sehen gut aus. Der Bedarf an Spitex-Dienstleistungen wächst, da die Zahl der alten Menschen, die nicht oder noch nicht in ein Altersheim wollen, steigt.  Zudem werden alle privaten Anbieter vom Kanton gleich behandelt (siehe Zweittext).

Die Prissag ist keine Non-Profit-Organisation wie die öffentliche Spitex. Aber sie will auch nicht in erster Linie Dividenden erarbeiten, wie René von Arx erklärt. Zusammen mit Peter Stucki leitet er ehrenamtlich die Prissag, während Christine Jaggi als Geschäftsleitungsmitglied für die Pflege zuständig ist.

Aus den Gewinnen der Prissag soll ein Fonds geäufnet werden, mit dem finanziell schwache Kunden bei Dienstleistungen in der Hauswirtschaft oder beim Mahlzeitendienst unterstützt werden sollen. Auch für pflegende Angehörige sollen daraus Angebote zur Verfügung gestellt werden, die sie in ihrer Aufgabe entlasten.

Erst wenn dieser Fonds gefüllt sei, wolle man den 14 Aktionären eine bescheidene Dividende auf ihr Aktienkapital auszahlen, sagt von Arx. Die Absicht, einen solchen Fonds zu äufnen, deckt sich mit Jaggis Philosophie, eine «professionelle Spitex mit Herz» anzubieten. 
 
«Schon ganz gut ausgelastet»


Stolz weist Jaggi darauf hin, dass die Prissag bereits mehrere Kunden hat, obwohl das Unternehmen erst Mitte Januar offiziell gestartet ist. Nach einem ersten Inserat im Amtsanzeiger kommen nun laufend neue Anfragen herein. Die momentan vier Angestellten teilen sich mit Christine Jagg insgesamt 280 Stellenprozente.

«Wir sind schon ganz gut ausgelastet», sagt Jaggi. Wenn es so weitergehe, müsse sie bald neues Personal rekrutieren. Das ist im ausgetrockneten Markt für Pflegefachleute nicht einfach. Christine Jaggi verfügt über eine gutes Netzwerk. Denn sie baute vor 28 Jahren den ersten spitalexternen Pflegedienst in Aarberg auf und führte schliesslich als Stützpunktleiterin in Aarberg und Geschäftsleitungsmitglied der Spitex Seeland 45 Pflegefachleute.

Im August des letzten Jahres erfolgte der Bruch. Grund für die Kündigung war eine interne Reorganisation der Spitex Seeland, die anstelle von fünf Stützpunktleiterinnen nur noch drei Regionenleiterinnen vorsah (das BT berichete). Das war der Moment, als für Jaggi eine Welt zusammenbrach.

Die Spitex offerierte ihr die frühzeitige Pensionierung, aber Jaggi lehnte ab. «Dafür war ich noch nicht reif», sagt sie. Zudem hätte sie eine zu grosse Renteneinbusse in Kauf nehmen müssen. Nach dem ersten Schock erholte sich Jaggi schnell wieder.

Dabei half ihr der Zuspruch, den sie von Mitarbeitenden und aus der Bevölkerung erhielt. Im September arbeitete sie noch drei Wochen, dann bezog sie ihr Ferien- und Überzeitguthaben. «Das gab mir die Gelegenheit, mich von meinen Kolleginnen zu verabschieden.»

Arbeit gibt es genügend
Am Tag, bevor sich die Tür bei der Spitex Seeland für sie endgültig schloss, besuchte sie einen Vortrag einer freiberuflichen Pflegefachfrau in Biel. Und da ging für sie die sprichwörtlich andere Tür auf:«Die Frau zeigte mir, dass es genügend Arbeit gibt. Und sie machte mir Mut, selber etwas aufzubauen.» Denn in der  Spitex gibt es mehr Anbieter, als man gemeinhin annimmt.

Mit dem gleichen Engagement, das sie früher bei der Spitex an den Tag legte,  ging Christine Jaggi nun ans eigene Werk. Dabei konnte sie auf ihr  Netzwerk zurückgreifen.

In ihrem Versicherungsberater Peter Stucki und im ehemaligen Filialleiter der UBS in Lyss, René von Arx, fand sie zwei Mitstreiter, die von Anfang  an ihre Idee von einer privaten Spitex-Organisation unterstützten. Die Zahl ihrer Unterstützer wuchs rasch an. Darunter waren auch ein Notar und ein Arzt, so dass für die Gründung der Prissag kein externes Know-How nötig war.

Mit dem Feuereifer von Start-Up-Unternehmern verfassten die drei «Jungunternehmer» in den nächsten Wochen ein Leitbild, ein Pflege- und Betreuungskonzept, einen Business- und einen Stellenplan. Und was an Papieren und Konzepten vom Kanton sonst noch verlangt wurde.

Zulassung der Krankenkassen
Mitte November reichten sie beim Alters- und Behindertenamt der kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektion das Gesuch für eine Betriebsbewilligung ein. Ende November endete Jaggis Anstellungsverhältnis bei der Spitex. Ab dem 1. Dezember hatte Jaggi die Betriebsbewilligung für ihre private Spitex-Organisation.

Die erste Hürde auf dem Weg zum neuen Unternehmen war genommen. Damit die Prissag mit den Krankenkassen abrechnen kann, brauchte sie von dieser Seite die Zulassung. Wieder waren Dokumente gefragt. Zudem musste die Firma im Handelsregisteramt eingetragen werden.

Mitte  Januar war dann alles bereit. Am 14. Januar hielt Jaggi die Zulassung der Krankenkassen in der Hand. Einen Tag später wurde die Gründung der Prissag im Handelsregister veröffentlicht. Bereits zwei Tage später lachte Jaggi von ihren vier Mitarbeiterinnen umrahmt aus einem halbseitigen Inserat den Lesenden des Aarberger Amtsanzeiger entgegen: Das Abenteuer der Pionierin hat begonnen.  

Artikel von Peter Staub, Bieler Tagblatt

 

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