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Ganz offiziell durchs Mühlethal

Eines der historischen Strassenschilder, welches trotz neuer Signalisation auch weiterhin an seinem Platz verbleiben darf (Foto: Markus Nobs).

 

Vor kurzem hat der Kanton das Mülital bei Aarberg offiziell „beschriftet". Auch zum Erstaunen eines Anwohners noch mit alter Schreibweise.      

 

Wie eine Handvoll in den Talgrund geworfener Häuser, so sieht es aus der Vogelperspektive aus: Das Mülital. Wer in den letzten Tagen die Kantonsstrasse von Aarberg nach Radelfingen oder in umgekehrter Richtung befuhr, dem fielen die beiden feuerverzinkten und derzeit noch glänzenden Rohrrahmen mit den dunkelblauen Ortstafeln und der Bezeichnung „Mühlethal" sofort auf.

 

Natürlich wussten sowohl Einheimische, als auch Auswärtige schon vorher, wo sie sich befanden, wenn sie die enge Haarnadelkurve zuhinterst im Mülital passierten. Nicht zuletzt auch wegen den auffällig grossen und gelben Schilder, welche dort mit der Aufschrift „Mühle Mühlethal Aarberg" seit mehr als einem halben Jahrhundert unübersehbar auf zwei Mühlsteinen prangen. Aber eben: Das war keine offizielle Beschilderung. Laut Jürg Beutler vom kantonalen Tiefbauamt und Daniel Siegwart von der Bauabteilung Aarberg kam man mit dem Aufstellen der neuen Signalisation aber  vor allem dem Wunsch der Gemeinde und von Anwohnern nach, die Sicherheit bei der Strassenquerung zu erhöhen. Mit dieser Massnahme soll unter anderem die Oertlichkeit besser wahrgenommen und signaltechnisch aufgewertet werden.

 

Ueberraschende Schreibweise

„Ich bin überhaupt nicht gefragt worden und war sehr erstaunt, dass diese alte Schreibweise des Namens gewählt wurde", so Fred Kohler auf Anfrage des Bieler Tagblatts. Der Ingenieur HTL im Ruhestand kennt die Geschichte des Mülitals wie kaum ein anderer. War es doch sein Vater, welcher die dortige Mühle als letzter betrieben hatte. „1959 musste der Betrieb schliesslich eingestellt werden", erinnert sich Kohler. Der finanzielle Aufwand sei nicht mehr zu verkraften gewesen. Und: Ausschlaggebend für das damalige Aus der Mühle sei vor allem gewesen, dass weder ein Silo, noch ein Bahnanschluss vorhanden waren, ist  Kohler überzeugt.

 

Interessant: Der Begriff Tal, welchen man heutzutage ohne „h" schreiben würde, behielt auf der brandneuen Signalisation seine historische Form bei. Offiziell heisst das Mühletal also noch immer Mühlethal, eben mit zwei Mal „h". Doch das stimmt auch nicht ganz: Die Schriften der derzeit 46 gemeldeten Einwohnerinnen und Einwohner des Ortsteils sind laut Michelle Roniger von der Präsidialabteilung der Gemeinde Aarberg offiziell unter der Berndeutschen Adressbezeichnung „Mülital" eingetragen. Die Pöstler müssen beim Vertragen also auch künftig tolerant sein. Fred Kohler ist also beispielsweise im Haus Mülital 6 schriftenpolizeilich gemeldet, welches sich laut Strassenbezeichnung des Kantons wiederum im Mühlethal 6, zuhinterst im Mühletal (nach heutiger Schreibweise ohne zweites „h") befindet.

 

Historische Schilder bleiben

Immerhin dürfen die historischen gelben Schilder, welche laut Kohler „seit Ende der 40er, anfangs 50er-Jahre" dort angebracht sind, weiterhin an ihrem gewohnten Platz verbleiben. Kohler erinnert sich: „Als im Jahr 1972 das Gesetz für Aussen- und Strassenreklame in Kraft trat, wurden wir aufgefordert, die Schilder zu entfernen". Nur dank dem Beizug eines Rechtsanwalts sei es damals möglich gewesen, den Kanton davon zu überzeugen, dass es sich nicht um Reklame, sondern um „Nostalgie am Strassenrand" handle. „Schliesslich war die Mühle ja bereits über ein Jahrzehnt nicht mehr in Betrieb und deshalb konnte es sich wohl kaum noch um Reklame handeln", schmunzelt Kohler.     

 

Artikel von Markus Nobs aus dem Bieler Tagblatt vom 30.4.14

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