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"Beliebte, heiratsfähige Mädchen"

Ein Tannli vom 1. Mai dieses Jahres in Aarberg. Oft werden auch Kosenamen  für die angesprochenen Mädchen verwendet (Foto: Markus Nobs).

 

Der Brauch, zusammen mit Kollegen einem angebeteten Mädchen ein Maitannli zu stellen, kann durchaus zu einer Hochzeit führen.      

 

Vor einem Jahr begleitete das Bieler Tagblatt in der Nacht auf den 1. Mai eine Horde von Lehrlingen beim Stellen der Maitannli. Dieses Jahr machte es sich auf Spurensuche, ob die Anstrengungen dieses Brauchs auch zum gewünschten Erfolg führen können. Eines gleich vorweg: Ob sich von den Jungerwachsenen aus dem letztjährigen Bericht bereits einer verheiratete oder zumindest verlobte, konnte leider nicht herausgefunden werden. Es ist eher nicht anzunehmen. Wenn man jedoch ein paar Jahre zurückblendet und diese ebenfalls in den Beobachtungszeitraum einbezieht, findet man bald einmal ein paar Seeländer, die zwischenzeitlich in der Liebeshierarchie vom übereifrigen Maibuben zum Ehemann oder gar Familienvater aufgestiegen sind. Ein solches Beispiel ist der Aarberger Urs Ruchti, heute 40 Jahre alt und mittlerweile Vater von zwei Söhnen im Alter zwischen sieben und zehn Jahren. Und eben: Verheiratet mit seiner Sabine. 22 Jahre ist es her, als ihr Name hoch oben stolz auf dem Holztäfelchen des Maitannli prangte, welches Urs für sie ausgewählt hatte. Seine Sabine war damals 16-jährig, er zwei Jahre älter. „Wir hatten in dieser Nacht insgesamt 18 Maitannli gestellt", erinnert sich Urs Ruchti noch gut an jene Nacht, in welcher er mit seinen Kollegen erst im Morgengrauen von der Tour zurückgekehrt sei. „Zuvor hatten wir mit dem Förster geschaut, welche Tannli man holen darf und einen Traktor mit Wagen organisiert. Ein Nachbar von Sabines Eltern wollte zuerst noch die Polizei holen, weil wir für die Befestigung des Tannlis auf die Balkone des Mehrfamilienhauses klettern mussten und er dachte, dass es sich um Einbrecher handle", schmunzelt Ruchti. Wie es der Brauch verlangt, habe seine Angebetete die Maibuben innerhalb des darauffolgenden Jahres zu einem Essen eingeladen. „Das ist Pflicht", weiss Ruchti. Wer es nicht tut, muss damit rechnen, ein Jahr später eine Strohpuppe vors Haus gehängt zu bekommen.

 

Wenn man in der Geschichte noch etwas weiter zurückblickt, finden sich historische Beschreibungen zum Brauch des Maitannlistellens. Beispielsweise hält die Schweizerische Nationalbibliothek diverse Literatur dazu bereit. Eines ist der Atlas der schweizerischen Volkskunde, der in nostalgischer Schreibweise vier verschiedene Typen des Maitannli-Brauchs aufzählt, wie er bereits vor über 100 Jahren praktiziert wurde:

 

  1. „Beliebten, heiratsfähigen Mädchen wird je nach Gunst und Neigung der Burschen ein Maibaum vor oder auf das Haus gestellt"

  2. „Für ein ganzes Quartier oder ein ganzes Dorf wird auf einem öffentlichen Platz oder vor dem Hause des schönsten Mädchens ein einzelner Maibaum aufgerichtet".

  3. „Brunnen werden mit einem kleinen Tännchen geschmückt".

  4. „Beim Heimschen wird ein Bäumchen umgetragen".

 

Die letzte Beschreibung bedarf bestimmt einer kleinen Erläuterung, wobei eigentlich nichts anderes gemeint ist, als ein Junge, der nach Aufmerksamkeit seines Mädchens heischt und zu diesem Zweck eben ein Tännchen mit sich herumträgt. Natürlich: Dadurch fällt er besser auf. Das Schmücken der Brunnen ist übrigens im Baselland oder teilweise im solothurnischen auch heute noch verbreitet.

 

Artikel von Markus Nobs aus dem Bieler Tagblatt vom 2.5.2014

 

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