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Wenn das "Rathausglöggli" zu früh schlägt

Artikel von Markus Nobs aus dem Bieler Tagblatt vom 23. Oktober und der Berner Zeitung vom 28. Oktober 2014 (klicken Sie auf das Bild oder den Text, um den ganzen Artikel zu lesen):
Derzeit wird die Turmuhr auf dem Aarberger Rathaus revidiert. Rund 12 000 Franken kosten die Arbeiten. Doch auch danach wird sie fünf Minuten zu früh läuten.
«Ich habe gestaunt, dass die Zeiger derzeit auf 12 Uhr stehen», so der langjährige Sekundarlehrer Max Graber. Das wird bis Ende Oktober noch so bleiben und die Aarbergerinnen und Aarberger werden ihre Uhren vorderhand nicht nach der Rathauszeit richten können. Obwohl: Das war eigentlich bereits in den vergangenen 100 Jahren so. Denn ohne die Aarberger Geschichte zu kennen, hätte man seine Armbanduhr um fünf Minuten daneben eingestellt.
Die Aarberger Rathausuhr geht immer fünf Minuten vor und läutet dementsprechend auch fünf Minuten zu früh. «Aus Erzählungen glaube ich zu wissen, dass sich die Kirchgemeinde früher daran gestört hat, dass die Rathaus-Turmuhr das Geläut der Kirchenglocken konkurrenziert hat», so Aarbergs Bauverwalter Marc Lehmann. «Vor langer Zeit» sei deshalb diese Zeitverschiebung beschlossen worden. Praktisch: «Die Einheimischen wissen, dass wenn das ‹Rathausglöggli› schlägt, sie noch zeitig zu ihren Verabredungen kommen werden», so Marc Lehmann.
Dass die Rathausglocke den Bewohnern des Stedtlis wichtig ist, merke er an den umgehenden Reaktionen, wenn die Uhr in der Vergangenheit einmal nicht richtig funktionierte oder gar stehen blieb. «In einem solchen Fall kommen die Telefonanrufe sofort zu uns.»
Der heutige Rathaus-Glockenturm prangte früher auf dem alten Waaghaus, das vor dem Hotel Krone auf dem Aarberger Stadtplatz stand und sowohl der Kleinkinder- als auch der Mädchenarbeitsschule noch als Schulraum diente. Im Jahr 1864 wurde das alte Waaghaus schliesslich abgebrochen und der Dachreiter samt Uhr auf das Rathaus versetzt.
1889 erhielt der Glockenturm die seither eingebaute Anlage der Turmuhrenfabrik Mäder aus Andelfingen. Der heutige Geschäftsführer dieser Firma, René Spielmann, weiss aus den Unterlagen zum damaligen Auftrag: «Im Mai des Jahres 1889 wurde die Rathausuhr eingebaut, im Juni desselben Jahres dann die Uhr im Aarberger Kirchturm.» Gekostet habe die Rathausuhr damals 1500 Franken, sagt Spielmann und schmunzelt. Zu dieser Zeit war das natürlich ein Vermögen, wenn man bedenkt, dass ein Arbeiter vielleicht 50 Rappen pro Stunde verdiente, wenn überhaupt.
Auch die Burger helfen mit
Heute sind sowohl die Löhne als auch die Kosten einer Revision um ein Vielfaches höher. Die bis Ende Monat dauernden Arbeiten an der Uhr werden rund 12 000 Franken kosten, wie Marc Lehmann sagt. «Die Burgergemeinde hat sich als Mitbenutzerin des Rathauses erfreulicherweise bereit erklärt, 5000 Franken an die Revision beizusteuern.»
Die Mechanik sei letztmals im Jahre 1988 revidiert und im selben Jahr das Uhrwerk per Motor synchronisiert worden, so Lehmann. «Der bestehende Motor hat in den vergangenen 26 Jahren rund 13,5 Millionen Schaltungen hinter sich gebracht.» Dabei hat er jeweils zuverlässig die Glocke zum Schlagen gebracht. Ganz so, wie es sich für eine Aarberger Rathausuhr gehört: pünktlich, aber einfach fünf Minuten vor der Zeit.

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