Direkt zum Hauptbereich

Charmeoffensive gegen den Grossverteiler

„Spüre, dass man wieder enger zusammensteht“. Hansueli Stebler, Präsident des Gewer-bevereins Aarberg und Umgebung blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück. (Foto: Markus Nobs)
Die Aarberger Fachgeschäfte besinnen sich auf ihre Stärken und wollen so dem Grossverteiler Coop die Stirn bieten.
Der Saal füllt sich langsam. Hier ein freundschaftlicher Gruss, da ein Schulterklopfen. Man kennt sich. Es ist der Abend der Aarberger Gewerbler, die sich heute in der Krone zu ihrer Hauptversammlung treffen. An der ersten Tischreihe sitzt ein Mann, zweifellos ein Maler. Ueber seine rechte Backe zieht sich ein Strich mit weisser Farbe. Er kommt direkt von der Arbeit. Plötzlich bemerkt dieser aber, dass er sich wohl im Saal geirrt hat. Er wollte als Vertreter des FC Etoile Bienne zur Versammlung des Seeländischen Fussballverbands, welche gleich nebenan stattfindet. Schade sei es, meint der Maler im Weggehen noch, denn das Menü des Gewerbevereins auf dem Kärtchen hätte ihm „jetzt noch gut gepasst“. Drüben im anderen Saal wird er auf den Aarberger Gemeindepräsidenten Fritz Affolter treffen. Dieser konnte sich nicht teilen und hat an diesem Abend offenbar den Fussball dem ortsansässigen Gewerbe vorgezogen. „Ein Filetstück“ sei der Standort, wo nun am 30. April dieses Jahres das neue Coop-Einkaufszentrum eröffnet wird, sagte Fritz Affolter vor vier Jahren, als es darum ging, das Grundstück der Alten Ziegelei durch den Souverän umzonen zu lassen, auf welchem dieser Tage das neue Aarberg Center fertiggestellt wird.
Damals war es den Ladenbesitzern im Stedtli nicht ganz wohl bei der Sache und sie fürchteten sich durch das angekündigte Aarberg Center vor einer übermächtigen Konkurrenz (das BT berichtete). Heute sieht die Sache offenbar anders aus und viele Gewerbetreibende zeigen sich geradezu selbstbewusst im Umgang mit der baldigen Eröffnung des Grossverteilers: „Es ist wichtig, dass man sich auf die eigenen Stärken besinnt“, so Marianne Kocher, Präsidentin der Aarberger Fachgeschäfte. „Aarberg rundum charmant“ laute der Slogan der Ladenbsitzer im Stedtli. Die Einkaufsnacht, der Chlousermärit oder der Sonntagsverkauf hätten im vergangenen Jahr erneut mehr Besucher ins Stedtli gebracht und dieses bekannter gemacht, so Kocher.
Zufrieden mit dem Vereinsjahr zeigt sich auch Gewerbepräsident Hansueli Stebler: Solche Anlässe seien „echtes Standortmarketing“ und auch die Gewerbeausstellung „Aargwärb“ im vergangenen Jahr habe mit grossem Erfolg durchgeführt werden können. Er spüre, dass man wieder enger zusammenstehe. Marianne Kocher: „Wir sind voll an neuen Projekten, damit das Stedtli nicht vergessen geht“. Denn: „Die gute Stimmung, die wir im Stedtli haben, kann der neue Coop bestimmt nicht erreichen“, ist sie überzeugt. So denkt auch Thomas Günther: „Wir haben keine Angst“, so der Betreiber der Papeterie Anker. „Eher für Coop, dass es in diesem Riesengebäude nicht genügend Kundschaft haben wird“, sinniert er. Offenbar hat Coop noch immer Mühe, die restliche Ladenfläche vermieten zu können. Das erstaunt Günther nicht: „Wir haben einmal dort angefragt, weil wir uns für ein allfälliges Einmieten interessierten, doch die Mietpreise waren jenseits von Gut und Böse“. Zur Eröffnung des Aarberg Centers Ende April wird die Ladenfläche belegt sein, wenngleich Möri Sport sozusagen als Lückenbüsser eingesprungen ist. „Ja, wir haben einen Vertrag, welcher jeweils auf einen Monat kündbar ist“, so Patrick Möri. Und: „Coop ist auf uns zugekommen, weil wir im Vorfeld einmal Interesse zeigten“. Jetzt hat Möri Sport offenbar ein passendes Angebot erhalten, um während der Eröffnung und bis auf weiteres Motorräder dort auszustellen, da sonst die Fläche von zwei Räumen leer gestanden hätte. Das wäre für die Eröffnung eines Einkaufszentrums natürlich keine gute Werbung gewesen. Welche Läden werden nebst der Coop-Verkaufsstelle mit Bau+Hobby sowie einem knapp 200-plätzigen Restaurant nun zu finden sein? Laut Angaben von Coop handelt es sich um das Kleidergeschäft Blackout, die Toppharm Apotheke von Christine Bourquin, die Import Parfümerie, Nova Home + Garden sowie um die Motorradausstellung von Möri Sport.
Artikel von Markus Nobs aus dem Bieler Tagblatt vom 16. März 2015

Beliebte Posts aus diesem Blog

Das Abenteuer ihres Lebens

Die Aarbergerin Martina Zürcher mit ihrem Mann Dylan Samarawickrama vor der Holzbrücke. Das Abenteuer ihres Lebens ist nicht zuletzt auch die Liebe zueinander. Text/Foto: Markus Nobs/BT.Das Urvertrauen in sich selbst und sein grosser Traum haben Dylan in das Abenteuer seines Lebens geführt. Dreieinhalb Jahre lang umrundete er die Welt mit einem Motorrad. Seine Frau Martina und er beeindruckten die Aarbergerinnen und Aarberger mit ihrer Reise-Show. Dabei stellten sie auch ihr neues Buch vor. «Es ist das erste Mal, dass wir eine Veranstaltung ausgebucht haben» strahlt Elisabeth Berger, die Leiterin der Aarberger Gemeindebibliothek. Bereits Tage zuvor konnte sie den Hinweiszettel an die Eingangstüre hängen, dass für die Reise-Show von Dylan Samarawickrama und Martina Zürcher alle Plätze vergeben seien. Und für die Anwesenden hat sich der Besuch mehr als gelohnt: Es sind nicht einfach Bilder einer gewöhnlichen Reise, die Dylan heute Abend zeigt. Es ist die eindrückliche Präsentation e…

Eine Landbeiz mehr, die schliesst

Eine Aera geht zu Ende: Helene Koch und ihre Eltern Martin und Päuli Schwab vor dem Restaurant Sternen in Fräschels. Sie posieren für ein letztes Bild vor dem Eingang zum Wirtshaus. Martin Schwab ist im Jäger Aarberg aufgewachsen. Er ist der Zwillingsbruder von Erich Schwab, welcher kürzlich den Jäger in Aarberg seinen drei Töchtern übergeben konnte. Foto/Text: Markus Nobs/BT.Das Wirtshaus ist verkauft. Eine Nachfolge für den Betrieb des Gasthofs Sternen in Fräschels konnte das frisch pensionierte Wirtepaar Martin und Päuli Schwab auch nach langer Suche nicht finden. «Es ist das Beste, was uns passieren konnte, mir geht es super!». Martin Schwab lacht über das ganze Gesicht. In seinem roten Segler-Pullover, dem weissen Hemd darunter und seinem offenen Blick strahlt er dies auch aus. Ihm geht es blendend, kein Zweifel. Trotz langer Suche hat er zwar keinen Nachfolger für den Wirtsbetrieb, wohl aber einen Käufer für das Haus gefunden. Fast vierzig Jahre haben er und seine Frau Päuli …

Als ein Elefant ins Stedtli kam

Werner Adams vor der Aarberger Holzbrücke. Dass diese anfangs 19. Jahrhunderts auch durch einen Elefanten überquert wurde, wussten bislang wohl nur wenige Aarbergerinnen und Aarberger (Foto: Markus Nobs).Das neuste Werk des Schriftstellers Werner Adams ermöglicht lebensnahe Einblicke ins Seeland des 18. und 19. Jahrhunderts. In der Bibliothek Aarberg stellte er soeben sein neues Buch vor. «Archivgeflüster» lautet zwar der Titel des neusten Werks von Werner Adams. Geflüstert wird darin aber keinesfalls. Im Gegenteil: Die verschiedenen Kurzgeschichten über Menschen aus dem Berner Seeland haben es in sich. Da wird jemand vergiftet und der überführte Mörder schliesslich unter grossem Publikumsaufmarsch auf dem Dorfplatz hingerichtet. Da kommt es auch zu einer Messerstecherei beim «Fensterlen», dem sogenannten «Chiltgang» oder die Leserin und der Leser finden sich plötzlich mitten im Aarberger Stedtli wieder und verfolgen hautnah, wie ein Elefant auf den Stadtplatz einmarschiert, was do…