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In langen Mänteln bei dreissig Grad

Rechtsgelehrt, aber impotent: Der ehemalige Lehrer Hans Baumann spielt bravourös den verzweifelten Nicia, welcher alles unternimmt, um Nachwuchs zu bekommen (Foto: Markus Nobs).
Impotenz war bereits im 16. Jahrhundert ein Thema. Die Aarberger Freilichtspiele geben im Stedtli derzeit eine Komödie zum Besten, bei der man sich prächtig amüsiert.
Eines gleich vorweg: Das Stück lebt auch davon, dass mehrere der Laienschauspieler aus Aarberg und Umgebung stammen und diese bei den hiesigen Besuchern bereits als amüsante Theaterspieler bekannt sind. So unternimmt beispielsweise der ehemalige Sekundarlehrer Hans Baumann als Rechtsgelehrter Nicia alles, um nach siebenjähriger Ehe endlich einen Nachkommen zu erhalten. Da er anscheinend selbst impotent ist und ihm die Schwiegermutter (gespielt durch die Aarbergerin Andrea Hartmann) gehörig Druck macht, lässt er sich gar dazu nötigen, einem anderen Mann ins Bett seiner Gattin zu helfen.
Der gebürtige Bargener Andreas Hostettler würde diesen Job als Callimaco nur allzu gern übernehmen, da er unsterblich in die Gattin des Dottore verliebt ist. Damit das Unterfangen jedoch gelingt, braucht es eine Portion List, Lug und Trug. Ja auch ein Pfarrer muss bestochen werden. Ganz so, wie das bei einer Komödie halt vonnöten ist, um damit die Gäste zum Lachen zu bringen. Obgleich: Die ganz grossen Lacher auf der Tribüne blieben aus, wohl aber herrschte unter den Gästen das ganze Stück über Heiterkeit und viele von ihnen schmunzelten und lachten abermals aufgrund der witzigen Wortspielereien und der eindrucksvollen Mimik und Gestik der Schauspieler. Neben den Laiendarstellern ist Daniel Rothenbühler als Profi-Schauspieler eine wichtige Stütze des Stücks. Er verkörpert den umtriebigen Ligurio, welcher sowohl in der Geschichte, als auch im Ensemble die Fäden zieht. Regisseur Urs-Peter Wolters hat die Komödie von Niccolò Machiavelli ins Berndeutsche übersetzt und ermöglicht dadurch einen raschen Zugang zum Publikum. Was ebenfalls gut ankommt: Ab und an sprechen die Darsteller direkt zum Publikum auf der Tribüne und bauen so eine amüsante Brücke zum Stück selbst.
Weshalb wurde gerade dieses Stück gewählt? „Es wurde vom Regisseur Urs-Peter Wolters vorgeschlagen und vom Vorstand der Freilichtspiele Aarberg genehmigt; es sollte wie vor drei Jahren eine Komödie mit unterhaltsamen und humorvollen Einlagen sein“, so Hans-Ruedi Zosso, Präsident des Vereins. Thomas Wyss von den Aarberger Freilichtspielen ergänzt: „Die Planung läuft seit Herbst 2014. Die Schauspieler sind seit Februar intensiv am Proben“. Und das hat sich ausbezahlt. Kaum ein Versprecher ist auszumachen, das Gespielte wirkt spontan und leicht.
Ein wenig Bedauern hat man mit den Darstellern aber schon: Am Abend sind es noch immer dreissig Grad im Stedtli. Sie rennen die Kirchtreppe rauf und runter, gestikulieren wild, müssen sich auf den Text konzentrieren und das alles in langen Mänteln und dicken Roben. Kein Wunder, dass sich Schauspielerin Andrea Hartmann sogar auf Twitter dazu äussert: „Heute einfach ein kleein bisschen zu warm, um Theater in langen Kleidern zu spielen. Nur ein klein bisschen“, scherzt sie.
Nach fünf Viertelstunden endet das Stück schliesslich abrupt, denn man hätte dem Ensemble zu gerne noch länger zugeschaut. Dabei hätte man vielleicht auch erfahren, ob dieses lang ersehnte „Buebli“ schliesslich auch geboren wurde. Denn dass es gezeugt wurde, darüber besteht nach den detailreichen Schilderungen des gehörnten Ehemanns nicht der geringste Zweifel.
Das Stück wird auf dem Stadtplatz in Aarberg noch bis zum 25. Juli 2015 aufgeführt (www.freilichtspiele.ch).
Artikel aus dem Bieler Tagblatt von Markus Nobs

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