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Eine Landbeiz mehr, die schliesst

Eine Aera geht zu Ende: Helene Koch und ihre Eltern Martin und Päuli Schwab vor dem Restaurant Sternen in Fräschels. Sie posieren für ein letztes Bild vor dem Eingang zum Wirtshaus. Martin Schwab ist im Jäger Aarberg aufgewachsen. Er ist der Zwillingsbruder von Erich Schwab, welcher kürzlich den Jäger in Aarberg seinen drei Töchtern übergeben konnte. Foto/Text: Markus Nobs/BT.
Das Wirtshaus ist verkauft. Eine Nachfolge für den Betrieb des Gasthofs Sternen in Fräschels konnte das frisch pensionierte Wirtepaar Martin und Päuli Schwab auch nach langer Suche nicht finden.
«Es ist das Beste, was uns passieren konnte, mir geht es super!». Martin Schwab lacht über das ganze Gesicht. In seinem roten Segler-Pullover, dem weissen Hemd darunter und seinem offenen Blick strahlt er dies auch aus. Ihm geht es blendend, kein Zweifel. Trotz langer Suche hat er zwar keinen Nachfolger für den Wirtsbetrieb, wohl aber einen Käufer für das Haus gefunden. Fast vierzig Jahre haben er und seine Frau Päuli den Sternen in Fräschels geführt. Unter anderem ihr Spargelschmaus war weitherum bekannt und nicht Wenige kamen gar aus dem entfernten Neuenburg oder aus Bern, um diese Spezialität bei Schwabs zu geniessen.
Heute ist Austrinket und das einzige Wirtshaus im Dorf hat sich noch einmal so richtig gefüllt mit Gästen. Um diesen letzten Tag der Wirtsleute zu begleiten, ist sogar das Fernsehen da. Es werden Bratwürste mit Brot und Senf serviert, auf den Tischen verteilt stehen «Halbeli» Weisswein und Mineralwasser. Wer will, darf sich natürlich auch ein letztes Bier zapfen lassen. Theres Lauper spielt beim Stammtisch auf ihrer diatonischen Handharmonika ein Ständchen. Sie ist nicht nur die Nachbarin. Seit dreissig Jahren treffe sie sich hier im Sternen, um mit der Wirtin zu jassen. Es sei schon ein spezielles Gefühl, jetzt zum letzten Mal hier zu sitzen.
Die Wirtin Päuli Schwab ist derweil etwas zurückhaltend. Zuerst will sie gar nicht aufs Bild für die Zeitung. «Ich bin nicht so fotogen», meint sie bescheiden. Sie, die «das Wirten schon in den Genen» habe, wie einer der Gäste bemerkt, wirkt gerade etwas nachdenklich. Aufgewachsen ist sie im Bären Kerzers. Schon früh musste sie mit ihren beiden Geschwistern eine grosse Verantwortung tragen: Ihre Eltern starben innerhalb eines Jahres, der Vater 52-jährig, die Mutter mit 49. Sie, ein Bruder und eine Schwester waren damals knapp über Zwanzig, als sie die Wirtschaft zu dritt übernahmen, ja übernehmen mussten. Ihr Bruder Ruedi Notz führt den elterlichen Betrieb bis heute. Dort im Bären in Kerzers war es auch, wo Päuli ihren späteren Mann Martin kennenlernte. Er, der selbst in einer Beiz, dem Jäger in Aarberg aufwuchs, arbeitete dazumal als gelernter Koch aushilfsweise im Bären, als es zwischen ihnen funkte.
Mittlerweile hat der frisch pensionierte Wirt in der Gaststube den Sitzplatz gewechselt und ist mit Freunden im Gespräch, die sich neu an den Tisch gesellt haben. Dass er und seine Frau den heutigen Tag auch geniessen können, dafür sorgt unter anderem ihre Tochter Helene. Seit dem frühen Morgen ist die Mutter von zwei Söhnen im Alter von sechs und neun Jahren auf den Beinen und spult emsig die Laufmeter zwischen Buffet, Gaststube und «Säli» ab. Wohl nicht umsonst wurde sie im Jahr 2005 im Rahmen einer Aktion der Zeitung Murtenbieter zur «freundlichsten Serviertochter des Seebezirks» gewählt. Trotzdem sie ihre Eltern immer unterstützt und im Restaurant gerne ausgeholfen hat, wird sie selbst den Betrieb nicht weiterführen. «Ja, das ist so», sagt Päuli Schwab. Als ihre Tochter mit dem heutigen Mann «karisiert» habe, sei im Dorf bald einmal die Frage gestellt worden, ob der künftige Schwiegersohn denn von Beruf Koch sei. Dies natürlich in der Hoffnung auf eine dereinstige Nachfolge für den Gasthof. «Koch stimmte schon», schmunzelt die Wirtin. «Jedoch heisst er nur mit Namen Koch und ist es nicht von Beruf». Obwohl natürlich ein guter Treuhänder nicht minder wichtig sei für einen Gastbetrieb, schiebt Päuli Schwab sogleich hinterher, als sie bereits wieder einen Stammgast unter der Eingangstüre erblickt hat, der sich noch von ihr, der Sternen-Wirtin, verabschieden will.
Artikel von Markus Nobs aus dem Bieler Tagblatt vom 31. Oktober 2016.

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